Rentenreform nach Beruf
Fällt die Rente nach 45 Jahren weg, trifft es die Ausbildungsberufe. Wer studiert hat, verliert nichts.
Die Alterssicherungskommission empfiehlt, die abschlagsfreie Rente nach 45 Versicherungsjahren abzuschaffen, und die Koalition will ihre Empfehlungen umsetzen. Wen träfe das? Für 61 Berufe haben wir gerechnet: in welchem Alter Beschäftigte typischerweise anfangen, Beiträge zu zahlen, wann sie damit die 45 Jahre erreichen und was es kostet, wenn sie trotzdem so früh in Rente gehen.
Stand 30. Oktober 2026: Noch ist nichts beschlossen. Es gibt keinen offiziellen Gesetzentwurf. Bis ein Gesetz gilt, bleibt es bei den heutigen Regeln. Was bisher feststeht
Das Wichtigste
- In 52 von 61 Berufen erreicht, wer im üblichen Alter anfängt und lückenlos versichert ist, die 45 Jahre vor 67, in 29 davon so früh, dass heute zwei volle Jahre früher ohne Abschlag möglich sind. Das sind Ausbildungsberufe: Handwerk, Industrie, Pflege, Büro und Banken.
- Fällt die Regel weg, kostet derselbe Rentenbeginn bis zu 7,2 % Rente, lebenslang: einen Dachdecker 83 € netto im Monat, eine Pflegefachkraft 98 €, eine Bankkauffrau 124 €. Wer zwei volle Jahre verliert, hat über 20 Jahre Rente 16.756 € bis 29.764 € weniger.
- Wer studiert hat, verliert nichts: Studienzeiten zählen nicht für die 45 Jahre. Selbst wer mit 23 den Bachelor hat und lückenlos arbeitet, kommt erst mit 68 auf 45 Jahre, nach der Regelaltersgrenze. Das gilt für alle 5 Studienberufe im Vergleich.
- Schulische Ausbildungen gehen schon heute fast leer aus: In Physio- und Ergotherapie, als PTA, Kinderpflegerin, Erzieherin oder Heilerziehungspflegerin zählen 2 bis 4 Jahre an der Schule nicht mit. Die Rente nach 45 Jahren bringt dort heute höchstens 1 Monat.
- Für die Jahrgänge, um die es jetzt geht, begann die Ausbildung oft noch früher: 1993 waren 87 % der neuen Azubis 20 oder jünger, 2019 noch 69 %. Wer bis 20 anfängt und lückenlos versichert ist, hat die 45 Jahre spätestens mit 65 zusammen.
Sechs Berufe im Vergleich
Wer heute nach 45 Jahren früher geht und was derselbe Rentenbeginn ohne die Regel kostet. Rente nach 45 Jahren zum mittleren Gehalt des Berufs, netto im Monat, in heutiger Kaufkraft.
| Beruf | Weg | 45 Jahre mit | Rente netto | Ohne die Regel |
|---|---|---|---|---|
| Dachdecker/in | Duale Ausbildung | 63,9 | 1.411 € | −83 € |
| Pflegefachkraft (Krankenpflege) | Bezahlte Ausbildung | 64,9 | 1.650 € | −98 € |
| Bankkaufmann/-frau | Duale Ausbildung | 64,3 | 2.056 € | −124 € |
| Friseur/in | Duale Ausbildung | 65,2 | 885 € | −58 € |
| Erzieher/in | Schulische Ausbildung | 68,9 | 1.570 € | nicht betroffen |
| Softwareentwickler/in | Studium | 68,0 | 2.148 € | nicht betroffen |
Alle 61 Berufe
Beitragsbeginn: Durchschnittsalter der neuen Auszubildenden im Ausbildungsberuf (BIBB, 2024); schulische Ausbildung und Studium siehe unten. „Früher in Rente“: wie viele Monate vor 67 die Rente nach 45 Jahren heute ohne Abschlag beginnen kann. „Weniger netto“: im Monat, wenn dieselbe Rente ohne die Regel 0,3 % Abschlag je Monat bekommt.
Was bleibt, wenn die Regel fällt
Am Beispiel eines Dachdeckers, der mit 18,9 die Ausbildung beginnt und mit 63,9 45 Versicherungsjahre hat:
- Trotzdem mit 65 gehen: 7,2 % Abschlag, 83 € netto weniger im Monat, ein Leben lang. Die Kommission will die Abschläge zudem neu berechnen.
- Bis 67 arbeiten: kein Abschlag, die zwei Jahre bringen sogar 76 € mehr Rente brutto, aber zwei Jahre weniger Rentenbezug.
- Mit 64 gehen, so früh, wie es nach der Kommission noch ginge: 10,8 % Abschlag. Heute geht das schon mit 63.
- Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kann: Die Kommission schlägt eine Schutzrente für langjährige Beitragszahler vor. Wie sie aussehen soll, ist offen.
Steigt zusätzlich die Regelaltersgrenze, wie im Beispiel der Kommission, auf 67,5, wären es mit 65 schon 9 % Abschlag. Die längere Regelaltersgrenze träfe auch alle, die nicht auf 45 Jahre kommen.
Was heute für deinen Jahrgang gilt
Ab welchem Jahrgang die Rente nach 45 Jahren entfallen soll, steht noch nicht fest. Ein früher Arbeitsentwurf im Arbeitsministerium sah vor, sie für die Jahrgänge 1964 bis 1966 zu erhalten, 1967 bis 1971 Vertrauensschutz zu geben und sie ab 1972 zu streichen. Das Ministerium nennt diesen Entwurf überholt; die Ministerin hat rund fünf Jahre Übergang zugesagt. Nach heutigem Recht gilt:
| Jahrgang | Regelaltersgrenze | Rente nach 45 Jahren ab | Frühestens |
|---|---|---|---|
| 1960 | 66 Jahre 4 Monate | 64 Jahre 4 Monate | 2024 |
| 1961 | 66 Jahre 6 Monate | 64 Jahre 6 Monate | 2025 |
| 1962 | 66 Jahre 8 Monate | 64 Jahre 8 Monate | 2026 |
| 1963 | 66 Jahre 10 Monate | 64 Jahre 10 Monate | 2027 |
| 1964 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2029 |
| 1965 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2030 |
| 1966 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2031 |
| 1967 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2032 |
| 1968 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2033 |
| 1969 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2034 |
| 1970 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2035 |
| 1971 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2036 |
| 1972 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2037 |
| 1973 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2038 |
| 1974 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2039 |
| 1975 | 67 Jahre | 65 Jahre | 2040 |
„Frühestens“: das Jahr, in dem die Rente nach 45 Jahren für den Jahrgang beginnen kann. Ab Jahrgang 1964 gilt einheitlich 65 und die Regelaltersgrenze 67 (§ 236b, § 235 SGB VI).
Dein Rentenalter mit eigenen Zahlen berechnen
Was bisher feststeht
- Die Alterssicherungskommission übergibt ihren Bericht mit 33 Empfehlungen: die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren abschaffen (mit einer Schutzrente für langjährige Beitragszahler, die ihren Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können), die früheste Altersrente mit Abschlag von 63 auf 64 anheben, die Abschläge neu berechnen und die Regelaltersgrenze nach 2031 an die Lebenserwartung koppeln (im Beispiel der Kommission von 67 auf 67,5 bis 2041).
- Der Koalitionsausschuss will alle Empfehlungen vollständig und zügig umsetzen.
- Ein früher Arbeitsentwurf im Arbeitsministerium, über den die Zeit im September berichtete: Für die Jahrgänge 1964 bis 1966 bleibt die Rente nach 45 Jahren mit 65, 1967 bis 1971 erhalten Vertrauensschutz, ab 1972 entfällt sie. Das Ministerium nennt das Papier einen überholten ersten Entwurf des Fachreferats.
- Die Arbeitsministerin sagt im Bundestag einen Vertrauensschutz mit einer Übergangsfrist von rund fünf Jahren zu.
- Noch kein offizieller Gesetzentwurf. Die Regierung will ihn 2026 im Kabinett beschließen, der Bundestag soll im ersten Quartal 2027 abstimmen.
So haben wir gerechnet
- Beitragsbeginn: das Durchschnittsalter der Auszubildenden mit neuem Vertrag im passenden Ausbildungsberuf, 2024 (BIBB, Datensystem Auszubildende). Das BIBB rechnet mit dem Geburtsjahr, das wahre Durchschnittsalter liegt etwas höher. Pflege und Notfallsanitäter (eigene Gesetze) und Helferberufe: Durchschnitt aller Ausbildungsberufe, 19,9 Jahre. Schulische Ausbildung: dieses Alter plus die Schuljahre ohne Vergütung. Studium: Bachelor mit 23.
- 45 Jahre: lückenlos versichert. Mit zählen Beiträge aus Arbeit und betrieblicher Ausbildung, Teilzeit voll, Kindererziehung bis zum zehnten Geburtstag, Pflege von Angehörigen und Arbeitslosengeld I (nicht in den letzten zwei Jahren vor der Rente). Nicht zählen Schule, Studium und Bürgergeld (§ 51 Abs. 3a SGB VI). Wer neben dem Studium rentenversicherungspflichtig gejobbt hat, sammelt auch dort Monate.
- Rente: wie bei der Rente nach Beruf 45 Jahre zum mittleren Gehalt des Berufs (Entgeltatlas), Rentenwert ab Juli 2026, netto nach Kranken- und Pflegeversicherung und Einkommensteuer, ledig, ohne Kinder. Abschlag: 0,3 % je Monat vor 67 (§ 77 SGB VI). Über 20 Jahre: Mit 65 leben Männer im Schnitt noch 18,0, Frauen 21,1 Jahre (Destatis, Sterbetafel 2023/2025).
- Nicht enthalten: Lücken im Lebenslauf, Vertrauensschutz und Übergangsregeln, die Schutzrente, neue Abschlagssätze, die Altersrente für schwerbehinderte Menschen und Betriebsrenten.
Daten verwenden
Die Tabelle steht als CSV bereit, mit dem Ausbildungsberuf und allen Zwischenschritten. Du darfst sie frei verwenden, auch in Artikeln, mit Quellenangabe: „Zenarios, Rentenreform nach Beruf; Daten: Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit, BIBB“ und einem Link auf diese Seite.
Wie viel Rente jeder Beruf bringt
Quellen
- Bundesregierung: Bericht der Alterssicherungskommission (23. Juni 2026, PDF)
- BMAS: Rentenkommission 2026, die 33 Empfehlungen
- Bundesregierung: FAQ zum Bericht der Alterssicherungskommission
- Deutsche Rentenversicherung: Was die Vorschläge für Ihre Rente bedeuten würden
- ZDFheute: Bas verspricht rund fünf Jahre Übergangsfrist (11. September 2026)
- altersvorsorgedepot.de: Was im BMAS-Arbeitsentwurf steht (21. September 2026)
- BIBB DAZUBI: Datenblätter je Ausbildungsberuf (Alter der Neuabschlüsse 2024)
- BIBB-Datenreport, Tabelle A5.8-1: Neuabschlüsse nach Alter 1993 bis 2019
- DIW-Wochenbericht 48/2024: Rente nach 45 Jahren
- § 51 SGB VI: Welche Zeiten für die 45 Jahre zählen
- § 236b SGB VI: Rente nach 45 Jahren nach Jahrgang
- Destatis: Lebenserwartung mit 65 (Sterbetafel 2023/2025)