Sequenzrisiko: warum die Reihenfolge der Renditen über deinen Ruhestand entscheidet
Das Sequenzrisiko ist das Risiko, dass schlechte Renditen genau dann kommen, wenn du anfängst, aus deinem Vermögen zu entnehmen. Weil Entnahmen in schlechten Jahren mehr Anteile verbrauchen, kann dasselbe Depot bei gleicher Durchschnittsrendite je nach Reihenfolge der Jahre früher oder später leer sein.
Auch: Sequence of Returns Risk · Renditereihenfolgerisiko · Reihenfolgerisiko
Solange du sparst und nichts entnimmst, ist es für das Endergebnis egal, in welcher Reihenfolge gute und schlechte Jahre kommen. Sobald du regelmäßig Geld entnimmst, ist das nicht mehr so. Ein Crash im ersten Jahr des Ruhestands wirkt anders als derselbe Crash zwanzig Jahre später. Das nennt man Sequenzrisiko. Stand: Oktober 2026.
Ein Rechenbeispiel
Zwei Personen starten mit je 500.000 € und entnehmen jeweils zu Jahresbeginn 20.000 €. Beide erleben dieselben drei Renditen, nur in umgekehrter Reihenfolge.
| Jahr | Person A: Rendite | A: Vermögen am Jahresende | Person B: Rendite | B: Vermögen am Jahresende |
|---|---|---|---|---|
| 1 | −20 % | 384.000 € | +10 % | 528.000 € |
| 2 | +10 % | 400.400 € | +10 % | 558.800 € |
| 3 | +10 % | 418.440 € | −20 % | 431.040 € |
Ohne Entnahmen hätten beide nach drei Jahren genau 484.000 €, denn 0,8 × 1,1 × 1,1 ergibt in jeder Reihenfolge dasselbe. Mit Entnahmen hat Person A 12.600 € weniger. Ihre nächste Entnahme von 20.000 € entspricht 4,78 % des Restvermögens, bei Person B nur 4,64 %. Über 30 Jahre kann sich dieser Unterschied zu einem leeren oder einem vollen Depot auswachsen.
Der Grund: Person A verkauft im ersten Jahr Anteile zu niedrigen Kursen. Diese Anteile fehlen, wenn die Kurse wieder steigen.
Was die Geschichte zeigt
William Bengen beschreibt in seiner Studie von 1994, auf die die 4-Prozent-Regel zurückgeht, mehrere solche Fälle aus US-Daten:
- Wer 1929 mit 500.000 $ und 4 % Entnahme in Rente ging, hatte Ende 1932 weniger als 200.000 $. Die Entnahme entsprach dann etwa 7,6 % des Restvermögens.
- Der Einbruch von 1973 bis 1974, bei gleichzeitig hoher Inflation, verkürzte die Haltbarkeit von Depots, deren Entnahmen bis zu 20 Jahre früher begonnen hatten.
- Hätte der Ruheständler von 1929 seine Entnahme ab 1930 um nur 5 % gesenkt, hätte er 1949 rund 20 % mehr Vermögen gehabt.
Was das Risiko verkleinert
Diese Ansätze werden in der Planung häufig verwendet. Welcher passt, hängt von deiner Lage ab.
- Flexible Entnahmen: in schlechten Jahren etwas weniger entnehmen. Das ist der Hebel, den Bengen selbst beschreibt. Wie das konkret aussehen kann, erklärt der Ratgeber Entnahmeleitplanken im Ruhestand.
- Puffer: einige Jahresentnahmen als Tagesgeld oder kurz laufende Anleihen halten, damit du in einem Crash nicht verkaufen musst.
- Niedrigere Startrate: 3,5 statt 4 % lässt mehr Spielraum.
- Andere Einkünfte am Anfang: Teilzeitarbeit, eine Teilrente oder ein späterer Rentenbeginn senken die Entnahmen in den riskanten ersten Jahren.
Häufige Missverständnisse
- „Ich rechne mit 5 % Durchschnittsrendite, also passt es.“ Eine feste Durchschnittsrendite blendet das Sequenzrisiko aus. Bengen nennt genau diesen Rechenfehler als Ausgangspunkt seiner Studie.
- „Das betrifft nur Aktien.“ Auch hohe Inflation am Anfang wirkt so, weil die Entnahmen steigen.
- „Es betrifft nur Frührentner.“ Es betrifft alle, die von einem Depot leben. Bei langen Ruhestandszeiten wirkt es nur länger nach.
In der Planung
Ein einzelner Rechenweg mit fester Rendite zeigt das Risiko nicht. Der Entnahmerechner und der Rentenbrücke-Rechner zeigen, wie lange dein Geld reicht. Wie eine Monte-Carlo-Simulation viele mögliche Reihenfolgen durchspielt, erklärt der Ratgeber Monte-Carlo-Simulation im Ruhestand.